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Vom Mikroskop zur Mütterpflege: Meine Geschichte

29. Sept.
5 Min. Lesezeit

Mein Leben bestand lange aus Pipetten, Mikroskopen, DNA, Petrischalen und komplexen Daten. Als promovierte Molekularbiologin und Naturwissenschaftlerin widmete ich mich der Grundlagenforschung. Jahrelang stand ich im Labor, untersuchte Tumorproben, züchtete Zellen und studierte Artikel zur aktuellen Forschung. Mein Ziel war edel: Menschen zu helfen, indem ich die Geheimnisse in der Brustkanzerogenese verstand. Meine Arbeit publizierte ich in Fachzeitschriften. Doch je tiefer ich in die Forschung eintauchte, desto mehr fühlte ich, wie das direkte „Menschen helfen" in der Ferne verblasste. Geholfen hatte ich nach all den zahllosen Stunden im Labor niemandem.

So wechselte ich nach meiner Promotion in die klinische Forschung. Die Firma für die ich arbeitete betreute große Pharmafirmen, um klinische Studien in diversen Fachrichtungen wie Kardiologie, Angiologie, Pneumologie, Urologie, Gynäkologie, Onkologie u.v.m. durchzuführen. Meine Aufgabe war es nun, alle Regularien zur Wahrung der Patientensicherheit umzusetzen. Nun saß ich nicht mehr allein im Labor, sondern allein im Büro. Auch wenn einige dieser Studien mittlerweile abgeschlossen sind und neue Produkte auf dem Markt für Patienten zugänglich sind, so fühlte es sich immer noch nicht so an, als würde mein Tun auch nur einem Menschen helfen, außer der Pharmabranche zu Geld zu verhelfen.


Der Wendepunkt kam nicht mit einem lauten Knall, sondern mit der Stille meines eigenen Lebens. Ich bekam Kinder und versuchte Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Immerhin war ich gut ausgebildet, hatte eine Tagesmutter und so musste es irgendwie laufen. Es dauerte mehrere Jahre bis ich realisierte, dass Familie und Arbeit nicht immer unter einen Hut zu bekommen sind. Denn Arbeiten in Teilzeit birgt viele Nachteile. Weniger Gehalt, weniger Zeit auf der Arbeit, weniger Impact auf der Arbeit und vor allem – weniger Zeit für die Familie und für mich. Ich war gefühlt nichts Halbes und nichts Ganzes. Durch die Realität der Teilzeitarbeit, die oft mehr Kampf als Chance war, stand ich am Rand. Ich war weder richtig arbeiten, noch verlässlich für meine Familie da. Wie oft musste ich ein krankes Kind zur Oma fahren, damit ich 4-5 Stunden arbeiten konnte und dann wieder schnell zurück, um für mein krankes Kind da zu sein? Sprüche wie: „Ihr gestriges Fehlen war unkollegial“ (mein Kind hatte Magen-Darm-Grippe), raubten mir Energie und ich fragte ich, wofür ich das alles machte.


Mein drittes Kind wurde April 2020 geboren – im ersten Lockdown. Gefühle wie Ängste und Verzweiflung waren bei mir an der Tagesordnung. Was wird passieren? Wie soll ich das alles allein schaffen? Ein Schulkind – im Homeschooling, ein gelangweiltes Kindergartenkind und ein Säugling. Dann kam ein paradoxer Moment: Mein Mann verlor coronabedingt eine Woche vor der Entbindung seinen Job. Was nun? Er begriff es sehr schnell – dieses Schicksal war unser Glück: Er war nun 24/7 zu Hause. Er konnte bei mir und den Kindern sein. Mit anpacken. Präsent sein, statt zu arbeiten. Und wir hatten noch mehr Glück. Unser Sohn kam geborgen und ohne Masken und Social Distancing im Geburtshaus Idstein1 zur Welt.


In dieser Zeit des „Ankommens", des Wochenbetts, reifte in mir ein Gedanke, der mich nicht mehr losließ: Warum gibt es so wenig Unterstützung für genau diese Phase? Alle Angebote konzentrierten sich auf die Schwangerschaft und die Geburt. Das Wochenbett – in dem die Frau wirklich als Mutter ankommt, sie heilt, in der sie gestärkt werden muss – diese Zeit bleibt so oft vernachlässigt. Familien sind örtlich getrennt, Partner müssen wieder nach wenigen Tagen arbeiten. Hebammen sind am Limit, deren Vergütung sinkt, die Zeit wird knapper. Nach wenigen Minuten müssen sie wieder los. Die nächste Wöchnerin besuchen. Die Frau bleibt allein zurück. Wer kocht für sie? Wer ist da und trocknet Tränen? Wer spricht mit ihr über ihre Ängste? Wer geht einkaufen oder holt das große Geschwisterchen aus der Kita ab? Wer trägt die viel zu schwere Babyschale zur U-Untersuchung in den 3. Stock, obwohl Mami eigentlich doch so beckenbodenschonend nichts heben soll?

 

Wer bemuttert die Mutter? Oft leider NIEMAND.

 

Als ich nach der langen Babypause, bedingt durch die Corona-Zeit, über meinen Wiedereinstieg in der klinische Forschung nachdachte, wusste ich: Das kann nicht der Weg sein. Ich wollte nicht wieder in der Ferne helfen. Ich wollte da sein. Direkt bei der Frau, die im Wochenbett allein ist und keine Unterstützung hat, weil kein Partner da ist oder arbeiten muss.




Nie zu spät für einen Neuanfang

So recherchierte ich im Internet, wie ich mich selbstständig machen und Frauen im Wochenbett unterstützen könnte. Das Ergebnis war erschütternd: Trotz dreier eigener Kinder, zwei Geburten in einem Geburtshaus, vielen Babykursen und viel Kontakten zu Mamis, hatte ich noch nie vom Beruf der Mütterpflegerin gehört. Wie konnte das sein?

Ich stieß im Internet auf das Dorothea-Heidorn-Institut2. Ein Anruf dort an einem Dienstagnachmittag, brachte mich zu meiner Bewerbung am Mittwoch, einem Bewerbungsgespräch am Donnerstag und schon saß ich am kommenden Montag in der Ausbildung zur FamilienLotSinn® in Gießen. Diese einjährige berufsbegleitende Ausbildung mit 13 Präsenzblöcken war eine der tiefgreifendsten Erfahrungen meines Lebens. Ich lernte von Doro, einer 79-jährigen Hebamme, die über 9.000 Kinder auf die Welt brachte und Deutschlands erstes Geburtshaus gründete. Sie lehrte mich nicht nur Fachwissen, sondern veränderte mich. In ihrer Gegenwart wurde mir klar: Es ist nie zu spät, sich neu zu erfinden. Sie lehrte mich Dinge wie „every second a fresh start“ nach Thich Nhat Hanh, einem vietnamesischer Zen-Meister, Mönch und Friedensaktivisten. Mit 44 Jahren stand ich nicht am Ende meiner Karriere, sondern am Anfang eines neuen, erfüllenden Lebensabschnitts. Ich reflektierte mein eigenes Muttersein und mein Frausein auf eine Weise, die mir in der Forschung nie möglich war. Ich fühlte mich endlich angekommen. Nun weiß ich: „Heimliche Wünsche werden unheimlich selten erfüllt“! Auch dieser Satz prägt bis heute mein Leben, meinen Familienalltag und meine Arbeit.



Seit Januar 2025 bin ich selbständige FamilienLotSinn® und Mütterpflegerin und gelistet als Fachkraft auf www.wochenbett24.de. Die Arbeit ist erfüllend, selbstbestimmt und perfekt mit der Teilzeitarbeit als Mutter vereinbar. Ich erfülle Wünsche und Bedürfnisse junger Mütter. Bin da, höre zu, packe an.

Doch ich weiß auch: die Arbeit allein reicht nicht, wenn das System Hindernisse schafft. Die Mütterpflege wird zwar oft von den Krankenkassen finanziell unterstützt, doch der Weg dorthin ist für die betroffenen Frauen oft ein Kraftakt. Langwierige Anträge, undurchsichtige Systeme und der Kampf um ein faires Honorar – das sind die Hürden, die viele Mütter und auch uns Mütterpflegerinnen belasten. Unsere Stundenlöhne werden oft nicht bezahlt und wir müssen mit den Kassen streiten und für die Mütter einstehen. Genau hier kommt wochenbett24.de ins Spiel. Ich bin stolz, dass ich als Fachkraft auf dieser Homepage gelistet bin und by the way auch beim Fotoshooting für die Website mit der wunderbaren Angelina2 dabei sein durfte Diese Plattform ist das konkrete Werkzeug, um Frauen und Familien direkt zu erreichen. Ein ganz besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang Verena, die diese Datenbank auf die Beine gestellt hat. Für ihr unglaubliches, ehrenamtliches Engagement, ihre Kraft und ihre unerschütterliche Zielstrebigkeit für dieses tolle Projekt.


 

Ich habe gelernt, dass es nie zu spät ist, den eigenen Weg zu ändern. Meine Geschichte ist ein Beweis dafür, dass wir alle die Kraft haben, uns neu zu orientieren – wenn wir nur den Mut haben, den ersten Schritt zu wagen. Mein großes Ziel ist es, dass sich das System schnellstmöglich ändert. Dass Frauen, die gebären, und Mütterpflegerinnen, die sie unterstützen, fair behandelt werden. Dass das Wochenbett nicht als „Zwischenzeit" abgetan wird, sondern als die entscheidende Phase des Ankommens, die professionelle und menschliche Unterstützung verdient. Mit wochenbett24.de und engagierten Fachkräften sind wir einen Schritt näher daran.

 

Solltest Du im Idsteiner Raum Unterstützung in Schwangerschaft, Wochenbett oder Mutterschaft benötigen, melde Dich gerne bei mir.

 

Mütter- und Familienpflege

65510 Idstein

 

 

Quellen:

1 Geburtshaus Idstein https://geburtshaus-idstein.de/

2 Dorothea-Heidorn-Institut https://www.familienlotsinn.de/

3 Angelina Mathae Fotografie https://www.angelinamathae-fotografie.de/ 


Fotos: Angelina Mathae Fotografie

 
 
 

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