Ein Moment nur für die Mutter – Das Rebozo Closing Ritual nach der Geburt

Ich war schon immer die, die da war.
Als eine Freundin von mir mit 17 schwanger wurde, habe ich den Kontakt zu ihr gehalten, obwohl wir noch so jung waren und eigentlich etwas ganz anderes im Kopf hatten. Später war ich für ihre Kinder Tante und für sie immer wieder mal eine Unterstützung. Damals hatte ich natürlich keine Ahnung, dass ich irgendwann Doula sein würde, und ich hätte das, was ich getan habe, wahrscheinlich auch nie Begleitung genannt. Ich war einfach da.
Beruflich führte mein Weg nämlich erst einmal in eine vollkommen andere Richtung.
Dabei wollte ich als Kind Kinderkrankenschwester werden. Irgendwann landete ich dann doch im Büro, wurde Beamtin und blieb viele Jahre in diesem sicheren Leben. Mein Körper zeigte mir allerdings schon lange ziemlich deutlich, dass dieser Weg für mich nicht der richtige war. Es schmerzte überall und spätestens während der Coronazeit wusste ich: Da ist noch so viel mehr.
Das Problem war nur: Was genau ist dieses „mehr“?
Wie greift man etwas, von dem man bisher nur weiß, dass das, was gerade da ist, nicht mehr passt?
Bei mir hat das noch einmal ungefähr zwei Jahre und ziemlich viele Gedankenknoten gebraucht. Irgendwann wurde immer klarer, dass ich Frauen begleiten möchte. Eine Zeit lang beschäftigte ich mich mit dem Hebammenstudium und merkte dabei ziemlich schnell, dass mir dieser Weg viel zu medizinisch ist.
Und dann begegnete mir erneut dieses eine Wort, das ich vorher schon in dem einen oder anderen Film gehört hatte:
Doula.
Dieses Mal blieb es hängen, ich fing an zu recherchieren und wusste ziemlich schnell: Das ist es.
Bis ich dann auch DIE Ausbildung gefunden hatte, die sich für mich richtig anfühlte, verging noch etwas Zeit. Anderthalb Jahre Ausbildung, online und immer wieder live vor Ort in der Schweiz und in Italien. Ganz viel Wissen, Selbsterfahrung und vor allem Zeit zum Verbinden. Meine Studybuddies aus dieser Zeit sind mir bis heute unglaublich ans Herz gewachsen.
Erst in dieser Doulaausbildung habe ich wirklich verstanden, wie besonders und auch wie vulnerabel gerade die Zeit nach einer Geburt ist. Wir bereiten uns monatelang auf die Geburt eines Kindes vor und wenn dieses kleine Wesen dann da ist, richtet sich ganz automatisch unglaublich viel Aufmerksamkeit auf dieses neue Leben.
Dabei wird mit der Geburt eines Kindes auch eine Mutter geboren.
Da ist eine Frau, deren Körper gerade unglaublich viel geleistet hat und jetzt heilen darf. Da ist eine Geburt mit all ihren Eindrücken, die erst einmal verarbeitet werden möchten. Gleichzeitig verändert sich das ganze Leben und währenddessen ist da dieses kleine Wesen, das ihre Präsenz braucht.
Gerade in dieser Zeit sollte Begleitung für alle Frauen ein Recht sein.
Es heißt immer, dass es ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. Ich finde, wir müssen dieses Dorf dringend wieder aufleben lassen und dabei auch die Mutter wieder viel stärker mit hineinnehmen. Sie umsorgen, ihr Essen bringen, ihr Dinge abnehmen, ihr zuhören, sie schlafen lassen, sie halten und ihr den Raum geben, in ihrem eigenen Tempo in diesem neuen Leben anzukommen.
Heute gehört für mich beides zusammen: Frauen durch Übergänge zu begleiten und diese Übergänge auch ganz bewusst zu würdigen.
Wenn wir uns anschauen, was wir rund um Schwangerschaft und Geburt feiern, steht häufig das Baby im Mittelpunkt. Da gibt es die amerikanische Babyparty, bei der das Baby schon vor seiner Geburt beschenkt wird, oder das Babypinkeln, bei dem die Geburt gefeiert wird. Beim Mother Blessing liebe ich, dass sich der Blick ganz bewusst auf die werdende Mutter richtet. Sie wird gewürdigt und gestärkt und steht mit ihrem ganz eigenen Übergang im Mittelpunkt.
Und dann kam Italien.
Wir waren für eines unserer Liveseminare in einem alten Schloss und meine Mentorin wollte uns das Rebozo Closing Ritual zeigen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, dass dieser Moment einer der beeindruckendsten meiner gesamten Ausbildung werden würde.
Sie nahm die Tücher und begann, sie mit einer unglaublichen Liebe und Wärme auszustreichen und mir liefen die Tränen.
Und die hörten während des gesamten Rituals auch nicht mehr auf.
Es gab gar keinen bestimmten Gedanken dazu. Ich musste nichts verstehen oder einordnen. Dieses Ritual hat einfach jede Faser meines Körpers angesprochen. Das Wiegen in den Tüchern, das Umschlossenwerden, der Druck, die Ruhe und vor allem diese liebevolle Präsenz haben mich unglaublich tief berührt.
Danach war für mich ziemlich schnell klar: Das möchte ich auch geben.
Heute ist daraus mein eigenes Rebozo Closing Ritual entstanden und jede Doula gestaltet dieses Ritual ein wenig anders. Bei mir beginnt es mit einem Kennenlernen und dem gemeinsamen Ankommen, während ich den Raum und die Tücher vorbereite.
Danach beginnt das eigentliche Ritual mit einem wärmenden Yoni-Steaming. Die Frau wählt die Kräuter dafür selbst aus und während sie den warmen Dampf genießt, lese ich ihr eine kleine Meditation vor und lasse ihr anschließend einen Moment der Stille.
Alles Weitere geschieht in ihrem Tempo.
Wenn sie bereit ist, legt sie sich auf die vorbereiteten Tücher und ich beginne damit, sie darin zu wiegen. Anschließend schließe ich ihren Körper an sieben verschiedenen Stellen mit den Rebozo-Tüchern. Dabei geht es für mich genauso um meine Intention wie um das Tuch selbst. Ich halte den Knoten einen Moment fest, bin mit meiner ganzen Aufmerksamkeit bei dieser Frau, lockere das Tuch anschließend ein wenig und gehe weiter zum nächsten Körperbereich.

Am Ende liegt sie eingepackt und gehalten in den Tüchern und ich arbeite mit meinen Saphirklangspielen. Auch dabei bin ich einfach ganz bei ihr.
Und irgendwann beginnt das Öffnen wieder.
Ganz sanft, Tuch für Tuch, bis sie wieder vollkommen ausgepackt dort liegt und in ihrem eigenen Tempo zurückkommen kann. Danach nehmen wir uns Zeit für den Austausch und für das, was während des Rituals entstanden oder hochgekommen ist.
Eine Frau, die ich mit diesem Ritual begleiten durfte, beschrieb später, dass durch das Wiegen und den festen Druck der Tücher für sie eine Verbindung zu ihrem Unterbewusstsein entstanden sei. Sie hatte währenddessen Bilder vor Augen, ihr vorher gewählter Leitsatz veränderte sich und sie erlebte eine ganz besondere Konzentration und eine für sie neue Erfahrung von Trance.
Ich gebe den Rahmen, halte den Raum und weiß vorher nicht, was darin für diese Frau entstehen wird.
Einmal wurde ich gefragt, ob der Körper nach einem Rebozo Closing Ritual dann wieder bereit für eine Schwangerschaft sei und meine Antwort darauf war ganz klar: So verstehe ich dieses Schließen überhaupt nicht. Für mich ist es kein körperliches „Jetzt ist alles wieder zu“ und auch kein medizinischer Vorgang. Ich empfinde es vielmehr als einen Moment, in dem eine Frau ihren Körper nach dieser großen Reise noch einmal ganz bewusst wahrnehmen und in Dankbarkeit wieder für sich zurückbekommen darf.
Sie hat ein Kind getragen. Ihr Körper hat sich verändert und geöffnet. Sie hat geboren. Sie ist durch das Wochenbett gegangen und hat während dieser Zeit so viel gegeben.
Und irgendwann darf es diesen Moment geben, an dem sie auf all das schaut und sagt: Das war meine Schwangerschaft. Das war meine Geburt. Das war mein Wochenbett. Das gehört zu mir und meiner Geschichte. Und jetzt darf diese Phase sich schließen und etwas Neues beginnen.
Genau solche Momente fehlen uns heute oft.
Wir erleben große Übergänge und das Leben geht einfach weiter. Dabei wünsche ich mir für jede Mama und auch für jede Frau nach einem großen Übergang Rituale, die würdigen, was gerade geschehen ist. Einen Moment, um innezuhalten, zu ehren, zu danken und bewusst zu schließen.
Gerade nach dem Wochenbett empfinde ich das Rebozo Closing Ritual deshalb als ein ganz besonderes Geschenk, das eine Frau sich selbst macht.
Ich bereite den Raum vor, halte die Tücher, wiege sie, schließe ihren Körper und bin mit meiner ganzen Aufmerksamkeit bei ihr. Die Liebe fließt dabei über meine Hände zu ihr, aber diesen Moment schenkt sie sich selbst.
Mein Satz „Ich trage dich, während du trägst“ ist für mich genau deshalb viel mehr als die Monate einer Schwangerschaft. Frauen tragen so viel: ihre Kinder, ihre Erfahrungen, ihre Geschichten, ihre Veränderungen und sich selbst durch all diese Übergänge.
Und für einen kleinen Moment darf ich diejenige sein, die sie trägt.

Begleiterin in den Übergängen
36369 Lautertal
Webseite: www.jutta-doula-mit-herz.de
Foto: Manuela Haltiner (https://www.manuelahaltiner.com/)mit freundlicher Genehmigung von Womb Expansion (https://wombexpansion.com/).





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