Ankommen im Elternsein – ein neuer Mantel

Nach der Geburt stehen Eltern – vor allem jene, die zum ersten Mal Eltern geworden sind – vor völlig neuen Herausforderungen. Und ganz egal, wie man sie sich in der langen Zeit der Schwangerschaft ausgemalt hat: Die Vorstellungen reichen selten an die Realität heran. Und das nicht immer im negativen Sinn.

Aber Erschöpfung, Hormone, die neue Rolle – all das zehrt. Und das ist auch Teil dieses intensiven Lernprozesses. Für die meisten von uns ist es vermutlich der intensivste persönliche Lernprozess des ganzen Lebens. Man lernt nicht nur den neuen Menschen kennen, den man gerade zur Welt gebracht hat. Man lernt sich selbst kennen: als Mutter, als Vater. In einer neuen Rolle. Wie ein neuer Mantel, der zunächst ungewohnt erscheint – vielleicht etwas zu groß, vielleicht sogar einengend. Bis er irgendwann passt, wenn sich der Alltag eingependelt hat.

Die Grundbedürfnisse eines Babys

Zunächst liegt der gesamte Fokus des Elternseins darauf, dieses kleine neue Wesen am Leben zu erhalten – und mehr noch: darauf, es gut gedeihen zu lassen und ihm eine optimale Entwicklung zu ermöglichen. Essen, Schlafen, Ausscheiden und Kuscheln. Das sind die Grundbedürfnisse eines Babys. Und aus diesen vier sticht eines heraus, das uns mehr als alles andere beschäftigt: das Essen. Beziehungsweise das Trinken. Denn Babys, wie alle anderen Säugetiere, brauchen Milch.

Stillen oder nicht stillen – eine Entscheidung mit vielen Ebenen

Und da taucht bereits in der Schwangerschaft die Frage auf: Stillen oder nicht stillen? Wir haben die Wahl. Heute ist das Wissen über die Bedeutung und die Einzigartigkeit von Muttermilch für Eltern nahezu allgegenwärtig und unbestritten. Die allermeisten Mütter entscheiden sich dafür.

Und die allermeisten Mütter, vor allem jene, die zum ersten Mal Mutter werden, machen sich in der Schwangerschaft keine weiteren Gedanken darüber. Sie wissen, dass sie stillen wollen. Mehr wissen sie (leider) meistens nicht.

Ursprünglich sollte das auch genügen in einer Gesellschaft: dass man Unterstützung beim Stillen bekommt, wenn das Baby da ist. Das war auch einmal so – vor vielen Jahrhunderten, vor der industriell hergestellten Babynahrung.

Gudrun Marth @diestillustratorin

 

Babynahrung – Hilfe und Stolperstein zugleich

Es ist wirklich gut, dass es sie gibt: die Nahrung für den Fall, dass die Milch nicht reicht oder es keine Alternative gibt. Jedoch kann sie auch für viel Verunsicherung sorgen, gerade wenn man nicht weiß, wie die Milchbildung in der Brust funktioniert. Und ihre Anwendung kann die Milchproduktion zum Stillstand bringen, wenn man nicht weiß, wie Milchbildung funktioniert, wenn man nicht weiß, dass die Brust eben völlig anders arbeitet als die Flasche.

Wenn man das jedoch weiß, kann Babynahrung eine gute und sinnvolle Unterstützung sein, falls es mit der Milchbildung schwerer fällt. Und natürlich auch generell die einzig richtige Alternative, wenn sich gegen das Stillen entschieden wird und auch keine Spenderinnenmilch verfügbar ist.

Vertrauen in den eigenen Körper

Vertrauen in den eigenen Körper zu haben, ist die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Stillen. Das ist das, was ich den Schwangeren in meinen Stillvorbereitungskursen mitgeben möchte.

Stillen funktioniert seit vielen tausend und mehr Jahren. Vor rund 200 Millionen Jahren hat sich das Konzept der Muttermilch mit den ersten Säugetieren entwickelt. Menschen haben sich zu dem entwickelt, was sie heute sind – mit Muttermilch.

Gudrun Marth @diestillustratorin
Der Start nach der Geburt – Nähe als Schlüssel

Stillen passiert jedoch nicht intuitiv nach der Geburt. Unsere Neugeborenen brauchen Unterstützung, wir brauchen Unterstützung. Damit steht und fällt es oft, ob es mit dem Stillen klappt oder nicht.

Es beginnt unmittelbar damit, dass das Baby direkt nach der Geburt auf dem Körper der Mutter ankommen kann. Dieser Körperkontakt ist essenziell in den nächsten Monaten und ein wichtiger Anker, ein Orientierungspunkt, der sichere Hafen für die emotionale Entwicklung. Babys brauchen ihn, um reguliert zu werden. Und gerade in den ersten Stunden regulieren sich auch Herzschlag, Atmung und der gesamte Kreislauf.

Der Geruch der Mama, ihre Stimme – all das ist bekannt nach den vielen Monaten im Bauch, wo es warm, dunkel und weich war und es keinen Hunger gab. Jetzt ist es hell und kalt, und da ist dieses Gefühl im Bauch, das unangenehm drückt.

Der „Breast Crawl“ und die ersten Stillversuche

Lässt man Babys nach der Geburt etwas Zeit, versuchen sie instinktiv, zur Brust zu krabbeln. Das nennt man auch den „Breast Crawl“. Sie finden die Brustwarze, und da sie schon im Mutterleib das Saugen an ihren Fingern geübt haben und mithilfe des ausgeprägten Saugreflexes vorbereitet sind, beginnen sie auch gleich mit dem Saugen, wenn sie die Brustwarze fassen können.

Dieses Setting ist optimal, aber natürlich läuft es nicht immer so rosig. Es ist kein Stillhindernis, wenn Mutter und Kind aus bestimmten Gründen getrennt werden müssen. Nur kann es dann anstrengender werden. Die halbe Miete ist der gute Start in den ersten Stunden nach der Geburt.

 

Gudrun Marth @diestillustratorin

 

Kolostrum – die erste besondere Milch

Was das Baby direkt nach der Geburt aus der Brust trinkt, ist das Kolostrum. Dieses bildet sich bereits in der Mitte der Schwangerschaft. Es ist manchmal kaum zu sehen und oft fällt der Satz: „Da ist doch noch gar nichts!“ Und ja, es sind nur wenige Tropfen, die das Baby bei seinen ersten Stillversuchen bekommt – aber auch diese sind ausreichend.

Denn Kolostrum ist eine sehr eiweißreiche Milch, die besonders sättigt. Sie enthält zudem besonders viele Stoffe, die das Immunsystem des Babys beim Aufbau unterstützen, sowie Antikörper, die Krankheitserreger abwehren. Deshalb wird sie auch manchmal als „erste Impfung“ bezeichnet.

Gudrun Marth @diestillustratorin
Milcheinschuss, Übergangsmilch und reife Milch

Der sogenannte Milcheinschuss, der fachlich eher eine Brustdrüsenschwellung ist, kommt manchmal nach zwei, manchmal nach fünf Tagen. Dann haben sich die Schwangerschaftshormone im Blut so weit abgebaut, dass die Milchbildungshormone ihre Wirkung entfalten können.

Nach etwa 14 Tagen mit einer sogenannten Übergangsmilch – einer Mischung aus Kolostrum und reifer Milch – fließt nur noch reife Muttermilch. Erst nach etwa zwei Monaten spielt sich die Milchproduktion vollständig auf den Bedarf des Babys ein.

Viele Frauen beobachten dann, dass ihre Brüste nicht mehr so prall sind und auch nicht mehr auslaufen. Auch das ist übrigens ein Punkt, der oft wieder zu Unsicherheit darüber führt, ob genügend Milch da ist.

Gudrun Marth @diestillustratorin

 

Stillen als Regulation

Stillen ist mehr als Nahrung, Hunger oder Durst. Es ist ganz viel Regulation. Da ist er nämlich wieder: der sichere Hafen, der das Baby emotional mit Mamas Ruhe versorgt.

Es gibt Phasen, in denen das Baby die Milchproduktion durch sogenanntes „Clustern“ ankurbeln muss. Und es gibt Tage, an denen Babys mehr Hunger haben als am Vortag. Die Brust braucht diese Information über den Mehrbedarf, um auch mehr Milch produzieren zu können. Denn Entwicklung verläuft nicht geradlinig.

Gesellschaftliche Bilder vom Stillen

Stillen ist natürlich. Dennoch gibt es viele Stolpersteine, die verunsichern, sowie ein gesellschaftliches Bild vom Stillen, das beispielsweise das Stillen in der Öffentlichkeit – gerade von älteren Stillkindern – als ungewöhnlich darstellt.

Dabei sind die Bedürfnisse unserer Kinder keine anderen als in Ländern, in denen das Stillen von Kindern normal und hoch angesehen ist. In der Mongolei zum Beispiel wird Muttermilch besondere Kraft zugeschrieben und Kinder werden dort häufig bis ins fünfte Lebensjahr oder darüber hinaus gestillt.

WHO-Empfehlungen und ihre Verkürzung

Oft wird in Deutschland nur ein Satz der WHO-Empfehlung zitiert: ausschließliches Stillen bis zum vollendeten sechsten Monat. Der propagierte Beikostplan zeigt lediglich den Verlauf des zweiten Lebenshalbjahres. Diese Kombination lässt das Bild entstehen, dass ein gesundes Kind mit einem Jahr vollständig vom Familientisch lebt.

Die WHO empfiehlt jedoch: Stillen in Begleitung der Beikost bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr und darüber hinaus, solange Mutter und Kind es möchten. Diese Empfehlung orientiert sich an der Physiologie von Kleinkindern.

Die besondere Superkraft der Muttermilch im 2. Lebensjahr

Im zweiten Lebensjahr reichert sich die Muttermilch erneut mit besonders vielen Antikörpern an, ähnlich hoch wie im Kolostrum. Eine sinnvolle Anpassung in einer Zeit, in der Kinder vermehrt mit anderen Menschen und Keimen in Kontakt kommen.

Ist das Kind krank oder trägt bereits Krankheitserreger in sich, registriert die Brustwarze dies beim Stillen. Die Milch wird daraufhin mit einem passenden Antikörper-Cocktail angereichert. Abpumpende Mütter erkennen dies oft an einer veränderten Färbung der Milch.

Gudrun Marth @diestillustratorin
Ein würdiger Abschluss

Stillen ist natürlich. Muttermilch ist ein an die Bedürfnisse des Säuglings individuell angepasstes Wunderwerk.

Mütter verdienen dafür Unterstützung, Wissen und Begleitung – im medizinischen System ebenso wie im Alltag.
Nicht Bewertung, nicht Druck, sondern Vertrauen und verlässliche Unterstützung.

Denn Stillen ist kein Leistungstest.
Es ist ein Beziehungsprozess und der darf Zeit, Raum und Würde haben.

Gudrun Marth @diestillustratorin

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Über die Autorin

Gudrun Marth ist ehrenamtliche Stillberaterin bei der Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen (AFS) und Mutter zweier Kinder. Eigene, prägende und nicht immer einfache Stillerfahrungen haben ihren Blick auf Stillbeziehung und Begleitung nachhaltig geformt.

Beruflich ist sie seit vielen Jahren in der bildenden Kunst tätig, unter anderem in der Portrait-, Wand- und Glasmalerei sowie in ihrem Tattoostudio, in dem sie Motive frei entwirft. Ihr Stillwissen verbindet sie mit ihrer künstlerischen Arbeit in erklärenden Illustrationen, die sie unter dem Namen @diestillustratorin teilt. Einige ihrer Illustrationen sind auch als Drucke erhältlich: www.diestillustratorin.de