Manchmal sind es die unscheinbaren Momente, die unser Leben für immer prägen: das erste Stillen mit zittrigen Händen, der weiche Bauch, der sich noch wie Schwangerschaft anfühlt, das Chaos im Schlafzimmer, das plötzlich ein Wochenbettnest geworden ist. Und mittendrin eine Frau, die gerade nicht nur ein Kind geboren hat – sondern auch sich selbst als Mutter.

Doch diese Momente verschwinden so schnell. Viele Frauen wachen Monate später auf und merken: Ich war dabei, aber ich sehe mich nicht auf diesen Bildern. Genau hier beginnt die Magie der Wochenbettfotografie.

In diesem Interview erzählt eine Fotografin, warum sie diese vulnerable, rohe und wunderschöne Zeit festhält, was Wochenbettfotografie so grundlegend von Neugeborenenshootings unterscheidet – und warum ehrliche Bilder uns manchmal mehr heilen können als Worte.

Eine Hommage an das echte Wochenbett. An all die Tränen, die Kraft, die Erschöpfung – und an die Frauen, die darin wachsen.

Foto: Angelina Mathae

 

Interview: Die Kunst der Wochenbettfotografie

Verena: Liebe Angelina, du bist Wochenbettfotografin und bekannt für deine ehrlichen Bilder. Was hat dich dazu gebracht, dich auf Wochenbettfotografie zu spezialisieren?

Angelina: Ich habe mich vor allem auf das Thema Mutterschaft fokussiert. Ich bin selbst Mama von zwei Jungs und – wie so viele Mütter – habe ich kaum Bilder von uns. Als ich anfing, mich mit dem Thema Fotografie zu beschäftigen, stieß ich auf die Wochenbettfotografie und war direkt verliebt. Das wollte ich auch machen: diese krasse erste Zeit festhalten.
Ich selbst habe nur Selfies aus dieser Zeit und wünschte, ich hätte auch das ganze Drumherum dokumentiert.
 
Verena: Was bedeutet für dich persönlich das Wochenbett – und wie spiegelt sich das in deiner Arbeit als Fotografin wider?
 
Angelina: Das Wochenbett ist eine Zeit des Ankommens und Heilens. Alle müssen sich neu finden. Es wurde nicht nur ein Baby geboren, sondern auch eine Mutter. Dazu gehören viele Gefühle und Prozesse: Veränderungen am Körper, das Baby kennenlernen, als Paar Aufgaben neu aufteilen, das Chaos zu Hause bewältigen.
Bei meiner Arbeit versuche ich, so viel wie möglich von diesen Momenten einzufangen: die Frau in der Netzunterhose, der weiche und leere Bauch, Schmerzen beim Stillen, Milchpulver fürs Fläschchen anrühren, Papa, der das Frühstück reicht, Wickeln, Tragen, Abhalten – und das meist sehr volle Beistellbett.

Verena: Deine Fotos wirken oft sehr authentisch, roh und ungestellt. Warum ist dir gerade diese Echtheit im Wochenbett so wichtig?

Angelina: Zu oft wird das Wochenbett total romantisch dargestellt. Und ja, das kann es manchmal auch sein. ABER die meisten Frauen erleben das Wochenbett so, wie ich es zeige. Und da spielen so viele Faktoren mit rein: Wie war die Geburt? Wie gut hat sich die Familie vorbereitet? Wie stark wird sie unterstützt?
Mir ist es wichtig, dass sich die Frauen gesehen fühlen. Dass sie wissen: Tränen, Schmerzen und Chaos sind normal.

Verena: Was unterscheidet Wochenbettfotografie von klassischen Babyfotos – warum sind es nicht „nur Fotos“, sondern Erinnerungen mit Tiefe?

Angelina: Es gibt die sogenannten Neugeborenenshootings und die Wochenbettshootings. Beim Neugeborenenshooting steht ganz klar das Baby im Vordergrund. Es geht vor allem um Bilder für Dankeskarten und vielleicht das eine oder andere Familienfoto für die Wand. Wochenbettfotografie ist das komplette Gegenteil. Für mich steht immer die Mutter an erster Stelle – und danach das ganze Drumherum. Es geht hier um die Geschichte des Lebens, um den krassesten Augenblick im Leben eines Menschen. Ein kleines Wesen, das in unsere kalte Welt hineinkommt. Das ist doch so viel mehr als nur ein süßes Bild von einem Baby.

Verena: Welche Reaktionen bekommst du von Frauen, die sich im Wochenbett fotografieren lassen? Gibt es einen besonderen Moment, der dir in Erinnerung geblieben ist?

Angelina: Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel Vertrauen mir die Familien entgegenbringen und mich in ihre kleine Bubble hineinlassen. Viele erzählen mir von ihrer Geburt, und manche Geschichten haben mich schon zu Tränen gerührt. Eine Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Paar hatte eine Hausgeburt geplant. Leider wurde daraus ein ungeplanter Kaiserschnitt im Krankenhaus. Da musste natürlich viel verarbeitet werden – unter anderem auch die Kaiserschnittnarbe. Ich hatte auf Instagram gesehen, dass man diese Narbe mit Blumen schmücken kann. Das haben wir dann gemacht, und später bekam ich die Rückmeldung, wie dankbar sie für diese Fotos ist und dass sie ihr beim Verarbeiten sehr geholfen haben.

Verena: Warum würdest du jeder Frau empfehlen, über Wochenbettfotografie nachzudenken – auch wenn sie vielleicht im ersten Moment unsicher ist?

Angelina: Ich weiß, wie überfordernd der Gedanke an die Zeit nach der Geburt ist, vor allem beim ersten Kind. Und diese Art der Fotografie ist nicht für alle Frauen – das ist völlig okay! Ich kann jeder Frau nur ans Herz legen, sich zu trauen, diese Zeit fotografisch festhalten zu lassen. Ich bereue es so sehr, selbst keine Erinnerungen daran zu haben, und wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen.

Verena: Danke, Angelina, für deine wertvolle Arbeit. 

Wenn dich Angelinas Art zu fotografieren berührt hat, findest du ihr Profil hier:  Zu Angelinas Profil

Foto: Angelina Mathae

Warum echte Wochenbettmomente zählen

Wochenbettfotografie ist mehr als das Festhalten eines Neugeborenen. Sie zeigt, was wir im Trubel des Alltags so leicht vergessen: den Übergang in die Mutterschaft, die Verletzlichkeit, die Stärke, die Tränen, das Wachstum.

Für viele Frauen kann ein solches Bild viel mehr sein als eine Erinnerung. Es kann ein Stück Heilung sein. Ein sichtbarer Beweis dafür, was sie geleistet haben – in einer Zeit, in der sie selbst kaum die Kraft hatten hinzuschauen.

Vielleicht ist das der Kern dieses Interviews:
Dass jede Mutter es verdient, gesehen zu werden. Gerade dann, wenn sie selbst unsichtbar zu werden droht.

 

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Foto: Angelina Mathae